Kunstprojekt von Peter Hölscher und Bernhard Kucken.
Scherben, das sind Reste eines ehemals Ganzen. Dieses Ganze kann es nicht mehr geben, doch trägt jede Scherbe in
sich noch dessen Idee. Die Scherbe kann Symbol für Zerstörung genauso gut wie für Neubeginn und glückliche
Zukunft sein. Als Volksbrauch kennen wir das Zerschlagen von Porzellan als Glücksbeschwörung. In jüdisch-kabbalistischer
Mythologie, bildet der Bruch der göttlichen Gefäße gar den Ur-Sprung der gesamten Menschheitsgeschichte
– als ein Anringen der Menschen gegen den vorursprünglichen Verlust der Einheit.
Mit einem Bruch finden Geschichten
ihr vorläufiges Ende. Wer sie erinnern oder fortschreiben möchte, der befindet sich nicht nur an der Pforte
für unvorhergesehenes Neues, sondern mitten in diesem Ungeahnten selbst. Bruchstücke tragen auch die beiden
Kunstschaffenden Bernhard Kucken und Peter Hölscher in eine unvorhergesehene Zukunft weiter ...
In dem gemeinsamen Kunstprojekt »Scherben« gehen die Arbeiten der beiden zu diesem Thema eine zunächst seltsam anmutende Beziehung ein. Doch wie Kuckens »Scherben« seine Erinnerungen an konkrete Menschen wiedergeben, so verweisen Hölschers Klangkörper auf menschliche Arbeit. Zusammen bilden die präsentierten Objekte einen Raum für teils ernste, teils heitere Reflektion auf menschliches Leben.
Was wirkt? Was bleibt? Was entsteht?
In den Arbeiten Bernhard Kuckens führen die Scherben ein eigenwilliges Dasein. Nicht festzustellen ist in ihrem Wesen, von welchem Ganzen sie einmal Teil gewesen sein mögen, oder ob ein Ganzes erst in den Scherben sich bildet. Der Flüchtigkeit innerer Eindrücke hat Bernhard Kucken auf dem Weg über die Zeichnung zur Plastik erst feste Gestalt gegeben. Das leichtlebige Dasein von Erinnerungsspuren, welche zurück zu zufälligen Begegnungen mit fremden Menschen führen, bildete den Ausgangspunkt seiner Arbeiten. Seinen Eindrücken hat Bernhard Kucken zunächst Gestalt in zeichnerischer Auseinandersetzung gegeben. Erst nachher, meist Jahre später hat er sie aus Beton gebildet. Zwar strahlen die geformten Gesichter etwas von der Fragilität historischer Tonscherben aus. Doch strafen sie diese Assoziation mit Unstimmigkeiten. Das Material ist Beton und damit der Jetzt-Zeit zuzurechen, die Maße sind viel zu groß, um auf das Reale zu verweisen. In den Scherben Kuckens erscheint die Vergangenheit nur als Anstoß für die Wahrnehmung des Menschlichen.
Erinnern heißt erfinden
Peter Hölscher erfindet Beziehungen zwischen Scherben industrieller sowie natürlicher Gegenstände. Offenkundig präsentieren sich die Fragmente eines Vergangenen in seinen Objekten. Doch kann selbst rückbesinnende Betrachtung bekannter Einzelteile sich bisweilen dem Humor nicht verschließen, dem diese Scherben in ihrer Neukombination anvertraut sind. Sinnlichen Gegenständen können Geräusche, Klänge, Töne anhaften. Die Skulpturen Peter Hölschers äußern sich nicht nur stumm in ihrer Gestalt, sondern auch laut in ihren Stimmen. Mehr Durchsetzungskraft erhalten sie durch die tatkräftige Hilfe angebrachter Tonverstärker. Weisen die Objekte einerseits unmittelbar objektiv zurück auf ein Bild menschlichen Lebens, so geben sie andererseits subjektiv Auskunft über das freie anarchische Leben der Gegenstände, die der Kontrolle der Zweckmäßigkeit entronnen sind.
Von Donate Lissner